Interview "Chemnitz auf Landesebene gut vertreten"

27.11.2017 – Anlässlich der Wahl von Tobias Möller in den Vorstand des Landesverbandes Soziokultur e.V. hat Jenny Lehmann ein Interview mit ihm geführt. Sie haben über die Arbeit des Landesverbandes Soziokultur und über seine Arbeit im Netzwerk gesprochen sowie über das soziokulturelle Potential in Chemnitz.

 

J. Lehmann: Du bist seit November 2017 im Vorstand des Landesverbands für Soziokultur Sachsen e.V. Könntest du die Funktion des Landesverbandes Soziokultur Sachsen kurz beschreiben?

T. Möller: Ich kann es gern versuchen. Ein Landesverband ist grundsätzlich in meinen Augen dafür da, in die Zukunft zu schauen, das verbindet ihn mit der Eigenschaft als Dachverband. In die Zukunft schauen und Probleme erkennen, die vielleicht noch nicht jedes Mitglied auf dem Schirm hat.
Und natürlich tritt jeder Dachverband als Lobbyvereinigung für seine Mitglieder auf. Lobby hört sich jetzt erst mal nach Waffen und Ölgeschäften an, meint aber nichts anderes als die Belange und Bedarfe der eigenen Mitglieder gegenüber Verwaltung, Politik, Wirtschaft zu übersetzen und zu kommunizieren. Also was macht ein soziokulturelles Zentrum wirklich aus, was ist der Mehrwert von der Soziokultur für die Gesellschaft, aber auch für die Entscheider*innen in den Ministerien.
Die Funktionen eines Dachverbandes, eines Landesverbandes sind sehr vielfältig. Dazu gehört beispielsweise auch die Weiterbildung der Mitglieder und vieles mehr.

 

J. Lehmann: Warum lohnt es sich als Organisation, Initiative oder ähnliches ein Mitglied im Landesverband zu sein?

T. Möller: Grundsätzlich der Wissenstransfer. Man bekommt Eindrücke aus anderen Orten gespiegelt, man kann die eigene Situation in einem Gesamtkontext reflektieren, aber vor allem auch der kurze Informationsfluss. Man hat einen Ansprechpartner, bekommt Fragen einfach schnell beantwortet, ohne sich erst von Pontius nach Pilatus telefonieren zu müssen. Man kann einfach im Landesverband anrufen, oder in seinem jeweiligen Dachverband und bekommt dann, jedenfalls im Landesverband Soziokultur, die Frage zeitnah und zufriedenstellend beantwortet.

 

J. Lehmann: Also es geht sehr viel um Networking?

T. Möller: Es geht vor allen Dingen um Networking und Kommunikation, um auch die Kommunikation zwischen der tatsächlichen Arbeit an der Basis im Idealfall bis ins Ministerium hoch zu deklinieren, da der Landesverband im ständigen Gespräch mit den Ministerien hier in Sachsen ist.

 

J. Lehmann: Hast du in deiner Arbeit im Vorstand gewisse Ziele vor Augen, etwas das du verfolgen möchtest?

T. Möller: Ich möchte einfach in die Arbeit des Landesverbandes, der schon sehr gut arbeitet, Chemnitzer Perspektiven einbringen und die Perspektiven der kleinen soziokulturellen Vereine die nicht zwingend ein soziokulturelles Zentrum sind, aber trotzdem meistens gemeinsam mit den Zentren vor Ort Soziokultur leben, Soziokultur ehrenamtlich umsetzen. Die Arbeit möchte ich einfach unterstützen.

 

J. Lehmann: Glaubst du, du kannst mit deiner Vorstandsarbeit die Position der Soziokultur speziell in Chemnitz stärken oder hat das eher wenig Einfluss?

T. Möller: Auf alle Fälle. Durch diese Mitgliedschaft im Vorstand ist es einfacher, gerade hier in Chemnitz die Wertigkeit der Soziokultur nochmal neu zu diskutieren und Soziokultur in ihrem Wesen zu erklären.

 

J. Lehmann: Gibt es Potential in Chemnitz für die Soziokultur?

T. Möller: Ja, Soziokultur ist ein ganz weites Feld und Soziokultur ist ein Sperriges Kunstwort, was manchmal das Wesen der Arbeit ganz schwer beschreibt, es aber trotzdem im Kern trifft.
In der Soziokultur geht es darum, über meist künstlerische Mittel mit den Bürger*innen ins Gespräch zu kommen und über diese Gemeinsamkeit in einer Vertrautheit voranzukommen und auch Dinge zu lösen, auszuprobieren. Die Soziokultur ist keine Konsumkultur, wie manch andere Kunstform, bei der man sich vor ein Bild stellt und sagt: "das gefällt mir/das gefällt mir nicht". Man kann ganz viele Einflüsse reindeklinieren.
In der Soziokultur geht es ganz oft darum selbst Kultur zu machen, Soziokultur lebt von einem breiten Kulturbegriff. Alles was der Mensch tut ist Kultur.

 

J. Lehmann: Oft wird der Branche der Kultur, in diesem Falle der Soziokultur, Bedeutung abgemessen. Was tut der Landesverband, um die Soziokultur ins Bewusstsein der Bewohner*innen Sachsens zu rücken?

T. Möller: Der Landesverband ist weniger dafür da, direkt zu den Bewohner*innen des Landes Sachsen zu sprechen, der Landesverband ist eher der Ansprechpartner auf Landesebene für die Landespolitiker*innen der Ministerien. Genauso wie ein Verein beim Landesverband anrufen kann und eine Frage beantwortet bekommt, geht das auch den Ministerien so. Die haben oft Fragen, können den Landesverband anrufen und bekommen dort ihre Fragen beantwortet, genauso wie wir. Darüber wirkt die Soziokultur wieder auf die Bewohner*innen zurück, denn umso wertiger die Soziokultur in einem Ministerium anerkannt ist, umso besser ist man für gewöhnlich mit Mitteln ausgestattet, um die Soziokultur richtig wirken zu lassen. Das kommt dann auch wirklich direkt bei den Bürger*innen an.
Oft wird viel mehr Kultur konsumiert als jedem einzelnen bewusst ist. Jeder Gang in eine Bibliothek ist Kulturgenuss, jedes größere Fest, welches über Alkoholkonsum und Musik hinausgeht, kann Soziokultur sein. Soziokultur hat ganz viele Facetten und ich glaube das ist eine Aufgabe oder ein erfülltes Versprechen des Landesverbandes, die Soziokultur in ihrer ganzen Vielfalt darzustellen.

 

J. Lehmann: Wie du es bereits erklärt hast, stellt der Landesverband viele Informationen zur Verfügung und ist eine Art Auskunftsstelle, wie reagiert denn der Landesverband auf neue soziokulturelle oder politische Phänomene? Beispielsweise die sogenannte Flüchtlingskrise etc.

T. Möller: Die Flüchtlingskrise ist ein super Beispiel dafür. Als 2015 alle noch in einer Art Schockstarre dasaßen und nicht wussten was auf sie zukommt, gab es beim Landesverband Soziokultur schon Handlungsempfehlungen. Weil man gerade in der Soziokultur schon jahrelang, bereits vor 2015 mit Geflüchteten gearbeitet hat, die Bedarfe in den besonderen Herangehensweisen in der Kommunikation und die kulturellen Unterschiede bereits kannte und deswegen aus der Erfahrung heraus ganz viel spiegeln konnte. Leute die ihre ersten zaghaften Schritte auf dem Terrain taten, konnte man so mit einem guten Hintergrundwissen ausstatten.

 

J. Lehmann: Wo siehst du Gemeinsamkeiten zwischen deiner Arbeit im Vorstand des Landesverbandes und deiner Arbeit im Netzwerk für Kultur- und Jugendarbeit e.V. in Chemnitz?

T. Möller: Die Gemeinsamkeit an der Stelle ist ziemlich nah beieinander. Hier im Dachverband Netzwerk für Kultur- und Jugendarbeit e.V. sind wir fast tagtäglich im Kontakt mit den Basisakteuren*innen der Soziokultur und dadurch fällt es uns relativ leicht, die Erkenntnisse die wir dort gewinnen über die kurzen Kommunikationswege in den Landesverband und damit an die Ministerien, an die Entscheider*innen heranzutragen.

 

Die Fragen stellte Jenny Lehmann, Mitarbeiterin im Netzwerk für Kultur- und Jugendarbeit aus dem Bereich Kultur, derzeit Praktikantin in der Öffentlichkeitsarbeit und Europaarbeit.